Mehr Zeit für die Familie! Der Seat Leon ST Cupra 280 im Fahrbericht

Sprechen wir es offen aus: wir Männer haben (ausnahmslos) immer spätestens dann ein Riesenproblem, wenn es in den Lebensabschnitt der Familiengründung geht. Plötzlich müssen wir erwachsen sein. Haben jetzt Verantwortung. Sollen vernünftig sein. Damit einhergehend: die von der besseren Hälfte mal mehr, mal weniger laut ausgeprochene Maßgabe, selbstverständlich auf ein familientaugliches Auto umzusteigen. Ein Coupé ist dann nicht mehr drin, selbst mit einer Limousine brauchst du deiner Frau dann nicht mehr kommen. Irgendwo müssen Kinderwagen, Kinderfahrrad, Schaukelpferd etc. ja untergebracht werden. Es soll dann schon ein Kombi sein. Am besten untermotorisiert – der Kosten und der Sicherheit wegen.

Seat Leon ST Cupra

Das Dilemma haben die Automobilhersteller glücklicherweise bereits vor einigen Jahren erkannt und die Fahrzeugklasse der „Dampfhammer-Kombis“ erfunden – bestenfalls übermotorisierte Sportwagen im unauffälligen Kombi-Kleid mit entsprechend viel Platz. Mit dem Seat Leon ST Cupra haben nun auch die Spanier so einen Krawallbruder im Angebot. Wir haben das Teil im harten Praxistest untersucht.

Als ich der Familie den Testwagen präsentiere, der uns ins verlängerte Strandwochenende bugsieren soll, mache ich den ersten Fehler: „Geil, oder? 280 PS!“. Man hätte ja über die sportliche, dennoch relativ dezente Optik philosophieren können, über die Lackierung oder die 587 bis 1470 Liter Platz, die der Leon ST Cupra bietet, aber nein, man(n) neigt ja dazu, seine komfortable Deckung zu verlassen…

Klarer Anfängerfehler, führt die Angabe zur Motorleistung im Kreise der Familie doch unweigerlich zu gleich zwei wirklich unangenehmen Diskussionen: zum einen werden PS-Zahlen oberhalb der 100 Pferdestärken-Grenze von vielen Müttern stets als viel zu gefährlich empfunden, von den 280 PS im Seat Leon Cupra ST in „280“-Spezifikation gar nicht erst zu reden.

Außerdem muss ein 280 PS-Auto doch zwangsläufig das Familienbudget sprengen. Nun ja. Mit 34.250 Euro ist der Start in die Leon ST Cupra 280-Welt zunächst mal natürlich nicht wirklich günstig. Zumindest wenn man den Preis mit dem Normalo-ST vergleicht, denn der ist bereits ab 16.640 Euro erhältlich. Merke: Immer nur soviel Transparenz wie nötig und so wenig Information wie möglich raushauen. Hohe Leistungswerte sind zwingend zu verheimlichen.

Seat Leon ST Cupra

Mit dem (anno dazumal noch Totschlag-)Argument „Sicherheitsreserven“ braucht man der Holden übrigens auch nicht mehr zu kommen. Hat sich schon abgenutzt. Wobei es stimmt: der spanische Sport-Kombi beschleunigt in nur rund 6,0 – 6,1 Sekunden von null auf hundert Sachen und ist maximal 250 km/h schnell (elektronisch abgeregelt). Aber um ehrlich zu sein: spätestens nach dem einen oder anderen Zwischenspurt auf der Landstraße beim Überholen oder auf der Autobahn ist eh klar, dass unter der Haube kein gewöhnlicher Vierzylinder arbeitet. Im Leon ST Cupra ist es so, dass den darin versammelten Passagieren regelmäßig die Spucke wegbleibt, wenn man Bodenblech gibt. Der Cupra prescht dann so dermaßen zügig nach vorn, dass man in Atem- und Erklärungsnot kommt.

In Erklärungsnöte kommt man übrigens auch vor allem dann, wenn man den Cupra-Kombi aus dem Stand voll beschleunigt. Die 280 PS des Zweiliter-TSI-Turbomotors schieben dann so dermaßen an, dass man die Kraft kaum auf die Straße bekommt: die entlasteten Vorderräder bemühen sich beim Beschleunigungsvorgang nahezu vergeblich um Traktion. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt: Immerhin liegen bereits ab 1.700 Umdrehungen pro Minute vergleichsweise gewaltige 350 Nm Drehmoment an. Da braucht´s also einen sensiblen Gasfuß.

Seat Leon ST Cupra

Nach wenigen Kilometern merke ich also bereits, dass man selbst eine angemessen ambitionierte Fahrweise nur dann an den Tag legen sollte, wenn die Familie draußen bleibt. Dann kann man auch das hohe Gripniveau des Spaniers auf kurvenreichen Strecken genießen und sich durch die verschiedenen Fahrprofile Sport, Komfort, Cupra und Individuell klicken, die die Kennlinien von Fahrwerk, Gasannahme, Lenkung und den Soundgenerator verändern. Insbesondere natürlich der Cupra-Modus weckt den Sportfahrer in dir, vor allem, wenn der Wagen, wie unser Tester über das handgerissene 6-Gang-Getriebe verfügt.

Die Kurvenhatz macht Spaß, der Kombi kommt gefühlt aber nicht an die fahrdynamische Leistungsfähigkeit seiner kompakten Brüder, etwa die des fünftürigen Leon Cupra heran. Die Lenkung unseres Testwagens arbeitet zwar genau, aber subjektiv nicht so direkt wie im Leon Cupra. Insgesamt wirkt der 280 PS-Kombi nicht ganz so spritzig und kurvenschnell wie die Limousinen-Variante – trotz eines für einen Kombi geringen Gesamtgewichts von nur 1.440 Kilogramm.

Während die Niederquerschnittreifen in Kombination mit 19-Zoll-Felgen recht kompromisslos wirken und Bodenwellen naturgemäß nur bedingt wegfedern, enttäuscht der Sound des Vierzylinder-Turbomotors. Selbst im Cupra-Fahrmodus und bei voll geöffneter Drosselklappe wirkt der Sound relativ zahm. Immerhin in dieser Disziplin gerät man(n) nicht in Erklärungsnöte.

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